Wilfried Hein

2. Februar - Das hohe Fest des Lichtes

Obgleich die Natur noch in winterlicher Starre verharrt, werden die Tage schon merklich länger, und unmerklich steigt bereits der Saft in die Bäume. Die Sonne geht jeden Tag ein bisschen früher auf und kommt schon wieder über manche Berggipfel. Auch abends ist es ist es länger hell. Der Dickpelz, noch recht steif und schlaftrunken, steckt an diesem Tag, angeblich zum ersten Mal, seine Nase aus der Höhle, um zu sehen, wie weit der Frühling schon gediehen ist.

schneeweissch

Der Bär ist kein anderer als der wiedergeborene, noch verhüllte jugendliche Sonnengott. Noch ist er wild, "Berserkerhaft". Jeder von uns kennt noch das Märchen "Schneeweißchen und Rosenrot". Unter dem Pelz des Bären verborgen leuchtet Gold und steckt ein junger Prinz - der junge Sonnenkönig. Die beiden Mädchen "Schneeweißchen" und "Rosenrot" verkörpern, wie ihre symbolträchtigen Namen schon besagen, Winter und Frühling. Die alte Mutter, die dem Bären im Winter Zuflucht gewährt hatte, ist niemand anderes als die alte Erdmutter, Frau Holle auch Frau Percht genannt. Wieder einmal sieht man, was wir für wunderbare Märchen haben, die auf ganz versteckte Weise das alte Kulturgut weitertragen.

Altes Lichtfest Brauchtum

Das Entfachen des jungen Lichtes und die Lichtweihe ist in ganz Europa im germanischen Brauchtum verankert. Noch immer gibt es alte Bauern, die am Lichtfesttag ihre Obstbäume wachrütteln und den Bienen im Stock die frohe Botschaft verkünden. Vielerorts soll das Dreschen und Spinnen an diesem Tag beendet sein, denn nun kommt der Erbsen- oder Kornbär, der die neue Fruchtbarkeit bringt.

Auch gilt der Tag noch immer als Lostag. Es wird orakelt, wer heiratet, wer sterben muß und wie die Ernte ausfallen wird. Um zu erfahren, wie lange der Winter noch anhalten wird, wendet man sich an jene Tiere, die in Erdhöhlen ihren Winterschlaf halten. Vom Dachs und vom Fuchs ist da die Rede, aber sie dienen nur als Ersatz für den Bären.

Ist es zum Lichtfest schön und warm, muß der Bär noch sechs Wochen in seiner Höhle bleiben, heisst es vielerorts. Sieht der Bär am Lichtfesttag seinen Schatten, muß er noch vierzig Tage in die Höhle, lautet die Regel in England und Frankreich. Sechs Wochen oder vierzig Tage dauert es bis zur Frühjahrstagundnachtgleiche. Dann hat der Petz seinen Winterschlaf endgültig abgeschüttelt, und der Bann des Winters ist gebrochen. Der Murmeltiertag in dem kleinen Örtchen Punxsutawney (sprich “Panxatoni”), im nordamerikanischen Bundesstaat Pennsylvania ist germanischen Ursprungs. Europäische Einwanderer haben ihn eingeführt.

Der Bär, der die Fruchtbarkeit bringt, und die Bienen, aus deren Waben goldgelbe Kerzen gemacht werden, gehören als Gegensätze zusammen: der massige, geile, faule Petz und die winzigen, keuschen, fleißigen Immen. Vor allem wegen des Honigs, den sie aus den Blüten saugen, ohne diese zu zerstören, achtete und verehrte man die Bienen. Für die alten Europäer war der Honig, der erst im 17. Jahrhundert durch den Rohrzucker ersetzt wurde, der einzige Süssstoff. Er war so heilig, das er als Opfergabe für die Götter und Ahnen verwendet wurde, und nur in den Weihenächten des Mittwinters durften Honigkuchen als segensspendende Kultspeise gegessen werden. Die Indogermanen sahen im Honig ein Überbleibsel eines fernen, goldenen Zeitalters, den Tau, der vom Weltenbaum herabtropft. Wahrlich eine königliche Speise, für den honigschleckenden König der Tiere, ebenso geeignet wie für den König der Menschen. Der trank mit seinen Edlen den aus Honig gebrauten Met, während Bauern, Knechte und Gesinde sich mit Gerstenbier zu begnügen hatten.

Der Frühling, der alle Gewässer in Bewegung versetzt, das Eis zum Schmelzen bringt, die Säfte in den Bäumen anregt und die Pflanzen wieder zum Sprießen bringt, die bewegt natürlich auch die Lebenssäfte im Menschen. Sie inspirierte nicht nur die Dichter und Sänger, sondern sie regte auch den hormonellen Rausch der Verliebten an. Und wie die Verliebten so sind, immer etwas verrückt, närrisch, leicht bis leichtsinnig - so ist auch diese Zeit. Dazu passt eben auch Fasnacht oder die Fastnachtzeit. Von der Kirche noch nie gerne gesehen und als "unflätige Feste" sogar strengstens verboten 762. Es hielt sich nur nie einer daran.
Deshalb wurde aus diesen spätwinterlichen ausgelassenen und natürlich immer erotisch- exzessiven Festen die "Fastenzeit". Doch die Wortnähe hat gar nichts miteinander zu tun. Fas-Nacht hat nichts mit Fasten zu tun und Fastnacht als Fasten. Im Gegenteil! Das Wort kam von dem Brauch des "FASELNS". Es ist ein mittelhochdeutsches Wort: "vaselen" = fruchten, gedeihen. Und dieser Brauch des Faselns war eine - wie könnte es auch anders sein -AUSCHWEIFENDE FRUCHTBARKEITSORGIE! Eine Berührung mit dem schöpferischen Chaos. Es gab viel lärmendes Treiben, Umzüge, Fressen, Saufen... Auch hier wieder der lärmende Umzug, um die Felder und Pflanzen aufzuwecken. Und dann natürlich die Maskenumzüge, um die alten Dämonen, Krankheiten und sonstige Unholde zu vertreiben. Vieles davon hat sich bis heute gehalten.

Noch etwas wurde zum Lichtmess gemacht, was heute kaum noch bekannt ist. Die Setzung des Zeitpfahles , Lichtmess-Pfahles oder auch "Tin-Pales", zur Lichtmessung. Jedes Dorf wünsche sich seinen eigenen Zeitmesser, sowie heute die Kirchturmuhr für alle sichtbar angebracht ist. Im früheren germanischen Bereich wurden in den Ortschaften hohe Stangen aufgestellt, deren Spitze von der aufgehenden Sonne berührt wurde. Das alte hochdeutsche Wort "SUL" wurde sowohl für Sonne als auch für Säule verwendet. Das Datum für diese Setzung solch eines Zeitpfahles oder auch Sonnen-Säule, der eben auch Lichtmess-Pfahl genannt wurde, war bei den Germanen der 1. Februar, aus dem die Kirche Maria-Lichtmeß gemacht hat.

Dieser Pfahl war vor allem in den Ebenen notwendig, wenn es keine besonderen Bergspitzen gab, die als Kalender oder Zeitmesser genutzt werden konnten. Bei den Germanen hieß dieser Zeiger "Tin-Pal" (evtl. vom Wort "Timber" = Holz abgeleitet, wo auch das englische Wort Tinpal-Man für Zimmermann herkommt).

Bei den Germanen, wurde der Pfahl am 13. Oktober, der 40 Wochen nach Ende der Rauhnächte, dem Beginn des Germanischen Jahres, wieder entfernt. Die Setzung an Lichtmess ist der Beginn des Bauernjahres, das sogenannte Bauern-Neujahr. Und die Entfernung am 13.10. ist das Ende des Bauernjahres. Die Arbeit ist getan. Das Licht verschwindet und ist erst wieder an Lichtmess messbar.

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